Filz: Eine faszinierende Zeitreise in 20 Schlaglichtern
Stell dir vor, du könntest durch die Zeit reisen und die Entstehung eines der ältesten Handwerke der Menschheit miterleben. Eine Technik, die so einfach und zugleich so genial ist, dass sie die Jahrtausende überdauert hat.
Die Geschichte des Filzens ist genau das – eine faszinierende Reise durch die Zeit, von den ersten Nomadenvölkern bis in unsere Welt der modernen Kunst.
Gerne erzähle ich dir in diesem Blogpost über die uralten Ursprünge und die Bedeutung der Filzkunst.
Inhalt
#1 Die Ursprünge des Filzens
#2 Die ältesten Filzfunde
#3 …Arche Noah!
#4 Der wissenschaftliche Prozess hinter dem Filzen
#5 Die Skythen und der Filz
#6 Die sensationellen Filzobjekte von Pazyryk
#7 Die Noin Ula-Funde
#8 Der Schatz von Shosō-in
#9 Filz revolutioniert die Welt
#10 Die mongolische Jurte
#11 Die Filzmütze als Symbol
#12 Filz in Mittel- und Nordeuropa
#13 Der verrückte Hutmacher
#14 Die Haithabu-Maske
#15 Filzindustrie in Finnland
#16 Traditionelle Techniken im Kulturvergleich
#17 Die Renaissance des Filzens in der modernen Kunst
#18 Wissenschaft trifft Handwerk: Die besonderen Eigenschaften der Filzkunst
#19 Meine Vision: FeltartNextGen
#20 Zukunftsperspektiven der Filzkunst
Fazit
#1 Die Ursprünge des Filzens
Die Geschichte des Filzens beginnt dort, wo Menschen und Schafe aufeinandertreffen.
Vor uns entsteht das Bild eines Nomaden, der vor Tausenden von Jahren beobachtete, wie sich unter den Sattel gelegte Schafwolle durch Schweiß und Bewegung zu einem festen Material verband.
So eine zufällige Entdeckung kann sehr gut der Beginn einer der wichtigsten textilen Verfahren der Menschheit gewesen sein.
Forscher sind sich einig: Filz ist eine der frühesten Textilformen überhaupt.
#2 Die ältesten Filzfunde
Die Entstehung des Filzhandwerks ist eng mit der asiatischen Kultur verbunden – dort lässt sich die Technik am weitesten in die Vergangenheit zurückverfolgen.
Die ältesten Funde sollen aus der steinzeitlichen Stadt Çatal Hüyük in der heutigen Türkei stammen, wo Wandmalereien entdeckt wurden, die möglicherweise Filzteppiche darstellen. Diese Interpretation wird jedoch heutzutage angezweifelt.
Ein Filzfund aus Beyçesultan aus der Frühbronzezeit II (ca. 2600 v. Chr.) gilt als der bisher älteste Beleg für diese Technik.
Eine der faszinierendsten Legenden über die Entdeckung des Filzens führt uns zur…
#3 …Arche Noah!
Der Geschichte nach verloren die in der Arche eng zusammengedrängten Schafe ihre Wolle, welche sich durch ihre Bewegungen und den Urin auf dem Boden zu einem Teppich verfestigte.
Interessanterweise werden damit bereits alle wichtigen Elemente des Nassfilzens beschrieben: Wolle, alkalische Flüssigkeit und mechanische Bearbeitung.
Und warum hat das funktioniert?
#4 Der wissenschaftliche Prozess hinter dem Filzen
Was damals wie Magie erschien, können wir heute wissenschaftlich erklären. Die Wollfaser hat eine schuppenartige Oberfläche.
Unter Einwirkung von warmem Wasser, Seife und mechanischer Bewegung verhaken sich diese Schuppen ineinander.
Dieser Prozess ist irreversibel – einmal verfilzt, lassen sich die Fasern nicht mehr trennen.
Die besondere Struktur der Wollfaser macht sie zum idealen Material für das Filzen:
Die Schuppenschicht (Cuticula) ermöglicht das Verfilzen
Der elastische Faserkern sorgt für Formstabilität
Die natürlichen Fettbestandteile (Lanolin) machen das Material wasserabweisend
Die Lufteinschlüsse in der Faser bieten hervorragende Isolation
#5 Die Skythen und der Filz
Die Skythen, die die russischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres seit 700 v. Chr. bewohnten, waren Meister der Filzherstellung.
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet von filzgedeckten Zelten und Wagen und innovativen Verwendungen wie dem Schutz von Obstbäumen.
#6 Die sensationellen Filzobjekte von Pazyryk
Ein Meilenstein in der Filzgeschichte war die Entdeckung der Gräber von Pazyryk im Hochland von Altai (Sibirien).
Diese Grabstätten aus der Zeit von 600-200 v. Chr. offenbarten dank der Permafrost-Konservierung eine Fülle an perfekt erhaltenen Filzgegenständen.
Nach dem Auftauen gewährten die zahlreichen Fundstücke einen einzigartigen Einblick in eine alte Nomadenkultur.
In den Gräbern fand man eine beeindruckende Vielfalt an Filzobjekten:
Wandbehänge
Decken und Sargauskleidungen
Socken
Mit Hirschhaar gefüllte Kissen
mit Filz ummantelte Ringe als Gefäßhalter
Mäntel
Haarschmuck aus Filz
Dekorationen für Sättel, Bögen und Zaumzeug, Pferdemasken
Zeltverkleidungen
Die Altai-Völker kombinierten Filz meisterhaft mit anderen Materialien wie Seide, Leder, Fell und sogar Edelmetallen. Charakteristisch sind aufwendige Applikationen und Materialkombinationen (z.B. mit Metallfolie umwickelte Fäden)
Auch Gebrauchsgegenstände waren schön gestaltet und verziert.
Alle Funde zeugen von einer hochentwickelten Kultur mit einzigartigem handwerklichem Geschick und ausgeprägtem Formgefühl.
Der Stil erinnert stark an den so genannten Tierstil der Skythen und wirkt sehr elegant.
Die Motive sind meist Säugetiere und Vögel in stilisierter Form, die Kraft und Dynamik vermitteln.
Das Bild eines hinreißenden Sattelüberwurfs stammt aus einem Reddit-Thread. Falls der Link nicht mehr funktioniert, einfach “Pazyryk felt saddle cover” in eine Bildersuche eingeben!
#7 Die Noin Ula-Funde
In den mongolischen Noin Ula-Bergen, auf 1500 Metern Höhe, entdeckte man in 10 Meter tiefen Grabkammern weitere Filzgegenstände aus dem ersten Jahrhundert n. Chr.
Besonders bemerkenswert sind zwei Wandteppiche mit Filzapplikationen und verschiedenen Verzierungen. Der größere Teppich misst beachtliche 260 x 196 cm.
Noch heute verwenden mongolische Handwerker ähnliche Techniken und Musterformen für ihre Filzteppiche.
#8 Der Schatz von Shosō-in
In der Shosō-in Schatzkammer in Nara, Japan, befindet sich eine bemerkenswerte Sammlung von Filzteppichen, vermutlich aus China oder Korea stammend.
Ein Teppich trägt eine Inschrift aus der Zeit zwischen 668 und 918 n. Chr.
Das Besondere: Diese Teppiche mussten nicht ausgegraben werden, sondern wurden über zwölf Jahrhunderte hinweg unter sehr günstigen Bedingungen aufbewahrt.
Die Sammlung umfasst 31 Teppiche (kasen) in verschiedenen Größen mit eingefilzten Mustern aus Filz und geflochtener Wolle:
Blumenmuster
Landschaftselemente
Papageien mit Blumengirlanden
Ornamente im klassischen Tang-Stil
Graziöses Blattwerk
Wolkenembleme
#9 Filz revolutioniert die Welt
Die einzigartigen Vorteile des Filzens wurden weltweit schnell erkannt:
Wetterfest und isolierend:
Schützt vor Kälte und Nässe
Ideal für Kleidung und Behausungen
Reguliert das Raumklima in Zelten und Jurten
Bietet Schutz vor extremen Temperaturen
Robust und langlebig:
Trotzt härtesten klimatischen Bedingungen
Widersteht mechanischer Beanspruchung
Muss nicht aufwendig gereinigt werden
Lässt sich durch Flicken reparieren
Hält oft ein Leben lang
Einfache Herstellung:
Benötigt keine komplexen Werkzeuge
Ist nahezu überall durchführbar
Erfordert nur Wolle, Wasser und Seife
Kann auch von einer Person allein ausgeführt werden
Vielseitig einsetzbar:
Von Zelten bis zu Schuhwerk
Als Satteldecke und Pferdegeschirr
Für Kleidung und Accessoires
Als Isoliermaterial und Polsterung
#10 Die mongolische Jurte
Im 6. Jh. n. Chr. finden sich in chinesischen Quellen die ersten Berichte über Jurten bei Nomaden.
Wahrscheinlich hat die Jurte eine über 2000-jährige Entwicklungsgeschichte.
Eine Jurte besteht aus mehreren (Filz-)Schichten und ist daher optimal gegen Wettereinflüsse isoliert.
Die Fertigung erfordert zwar nur einfache Werkzeuge und kurze, aber intensive Gemeinschaftsarbeit, setzt jedoch fundiertes Fachwissen voraus.
Ein besonderer Vorteil dieser zeltartigen Konstruktion liegt in ihrer Flexibilität: Sie lässt sich in nur wenigen Stunden errichten oder abbauen und kann kompakt auf lediglich zwei Pferden transportiert werden.
Die Verarbeitung der Wolle aus eigener Herdenhaltung trägt maßgeblich dazu bei, dass sowohl die Jurte als auch die damit verbundene Filzkunst seit Jahrhunderten zentrale Elemente der asiatischen, besonders der mongolischen Lebens- und Wohnkultur darstellen.
#11 Die Filzmütze als Symbol
Der Held Odysseus aus der griechischen Mythologie
Der Pileus, die schlichte randlose Filzkappe der Antike, erlangte erstaunlicherweise durch die Jahrhunderte eine tiefe kulturelle Bedeutung.
Von seinen Ursprüngen in Kleinasien verbreitete sich diese praktische Kopfbedeckung durch den gesamten Mittelmeerraum und wurde von Seeleuten, Handwerkern und mythologischen Gestalten gleichermaßen getragen.
Im römischen Reich erlangte der Pileus seine größte symbolische Kraft als Zeichen der Freiheit für ehemalige Sklaven und als politisches Symbol auf Münzen.
Die Feldmütze des spätrömischen Heeres war so beliebt, dass sie bis ins Mittelalter getragen wurde.
Frühformen des Doktorhutes und des Biretts entstanden ebenfalls aus dem Pileus.
In verkleinerter Form ist er als Pileolus Teil der Tracht hoher kirchlicher Würdenträger.
Die Geschichte des Pileus verdeutlicht eindrucksvoll, wie ein einfacher Gegenstand aus Filz über Jahrtausende hinweg kulturelle, religiöse und politische Bedeutung erlangen kann.
#12 Filz in Mittel- und Nordeuropa
Echter Filz, der nicht durch Walken eines Gewebes entsteht, sondern nur durch die Verbindung von Wollfasern, findet sich in der Hallstattkultur Mitteleuropas ab 800 v.Chr.
Die erste deutsche Zunftordnung für das Filzhandwerk stammt von 1321.
In Skandinavien entwickelte sich eine eigene Filztradition:
Älteste Funde aus der Völkerwanderungszeit (400-500 n. Chr.)
Spezielle Techniken für Winterbekleidung
Bei einem Mantel aus Trindhøj in Dänemark aus der Bronzezeit wurde z.B. dicker verfilzter Wollstoff verwendet, in den zusätzlich ca. 10.000 Wolllocken eingearbeitet waren.Industrialisierung der Filzproduktion im 19. Jahrhundert
#13 Der verrückte Hutmacher
Die Herstellung von Filzhüten war im mittelalterlichen Europa sehr verbreitet, in wichtigen Städten entstanden Hutmacherzünfte.
Der englische Ausdruck Mad as a Hatter („verrückt wie ein Hutmacher“) könnte darauf zurückgehen, dass Hutmacher mit Quecksilbersalzen behandelte Filze und Felle verwendeten und dadurch erkrankten.
Die Symptome des “Hutmachersyndroms” umfassen Entzündungen, Nerven- und Organschäden, Unruhe und sogar Intelligenzminderung.
#14 Die Haithabu-Maske
Im Jahr 1979 machte man in Schleswig-Holstein einen spektakulären Fund aus der Wikingerzeit: eine Filz-Gesichtsmaske im Wrack eines Wikingerschiffs im Hafen von Haithabu.
Die Halbmaske, die entfernt einem Bären ähnelt, war mit Pech getränkt und dadurch konserviert.
Experten vermuten, dass die Masken bei Zeremonien oder Turnieren Verwendung fanden.
#15 Filzindustrie in Finnland
Die Filzindustrie in Finnland spezialisierte sich auf Filzstiefel und Einlegesohlen.
Die erste Filzfabrik in Finnland wurde 1897 in Kirvu eröffnet.
Interessanterweise blieb die Handarbeit trotz Industrialisierung wichtig:
Das Abwiegen der Wolle und das Festnähen um die Schablonen geschah weiterhin manuell.
Der Zweite Weltkrieg brachte diese Entwicklung durch Materialmangel zeitweise zum Erliegen.
Nach dem Krieg schien die traditionelle Filzkunst im Norden fast vergessen, erlebte aber in den 1980er Jahren dank neuer Anleitungen und Kurse eine Renaissance.
#16 Traditionelle Techniken im Kulturvergleich
Die verschiedenen Kulturen entwickelten jeweils spezielle Techniken:
Die Altai-Völker perfektionierten den Materialmix
Mongolische Filzmacher verwendeten Stöcke zum "Peitschen" der Wolle - eine Technik, die bis heute praktiziert wird
In Nordeuropa entwickelte man spezielle Methoden für besonders dichte, winterfeste Filze
Es gibt Hinweise darauf, dass persische Handwerker Filz und Seide kombinierten, um luxuriöse Textilien herzustellen
#17 Die Renaissance des Filzens in der modernen Kunst
Heute erleben wir eine spannende Wiederbelebung dieser uralten Technik.
Die Vielseitigkeit und die Bearbeitungsmöglichkeiten von Filz sind grenzenlos.
Im Gegensatz zur klassischen Malerei wird eine weitere Dimension der Kunst erschlossen: eine, die man nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann.
Kein anderes Medium eignet sich gleichermaßen für:
Haute Couture und Designmode
Kunstvolle Wandbilder und Installationen
Innovative Wohnaccessoires
Architektonische Elemente
Skulpturale Werke
Jede Künstlerin und jeder Künstler entwickelt dabei eine charakteristische Signatur. Von robusten Schuhen über hauchdünne Brautkleider bis hin zu monumentalen Skulpturen – Filz hat unendlich viele Gesichter.
#18 Wissenschaft trifft Handwerk: Die besonderen Eigenschaften der Filzkunst
Als Biologin fasziniert mich auch die wissenschaftliche Seite des Filzens.
Schafwolle ist ein Wundermaterial mit einzigartigen Eigenschaften:
Nachgewiesene Vorteile von Filz:
Akustische Verbesserung:
Absorbiert Schallwellen
Reduziert die Nachhallzeit
Sorgt für angenehme Raumakustik
Luftreinigung in Innenräumen:
Filtert Schadstoffe (besonders effektiv bei Formaldehyd)
Verbessert die Luftqualität nachhaltig
Wirkt antibakteriell
Feuchtigkeitsregulierung:
Nimmt überschüssige Feuchtigkeit auf
Gibt sie bei Bedarf wieder ab
Schafft ein ausgeglichenes Raumklima
#19 Meine Vision: FeltartNextGen
In meinem Wiener Atelier entstehen seit Herbst 2024 Werke der Edition FeltartNextGen. Diese spezielle Serie vereint traditionelles Handwerk mit moderner Technologie:
Montage auf Whisperwool Akustikplatten
Kombination von Funktion und Ästhetik
Nachhaltige Materialien aus regionaler Produktion
Innovative Gestaltungstechniken
#20 Zukunftsperspektiven der Filzkunst
Die Zukunft des Filzens liegt in der Verbindung von Tradition und Innovation.
Die Arbeit vieler Filzkünstlerinnen und Filzkünstler zeigt, wie sich dieses jahrtausendealte Handwerk weiterentwickeln kann:
Integration in moderne Architektur
Verbindung von Kunst und Funktionalität
Fokus auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit
Entwicklung neuer Ausdrucksformen
Fazit: Tradition trifft Zukunft
Die Geschichte des Filzens ist eine fortlaufende Evolution.
Von den Nomadenzelten der Steinzeit bis zu modernen Kunstwerken hat sich diese Technik immer wieder neu erfunden.
Als zeitgenössische Filzkünstlerin sehe ich mich in der Verantwortung, diese Tradition weiterzuentwickeln und neue Wege zu beschreiten.
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Susi Weber ist Expertin für gefilzte Gemälde und erzählt als "Filzbotschafterin" gerne von dieser nachhaltigen Kunst.
Kontakt: feltingfrenzy@gmx.at